Einordnung & Ausgangspunkt

Zu einem Puristen der agilen Methode habe ich einmal gesagt: „Kein Wunder, dass die Pyramiden nie fertig geworden sind: die haben damals die agile Entwicklung nicht beherrscht, hatten keinen Scrum-Master…“

Das ist natürlich provokant. Aber manchmal muss man provozieren, um einen Standpunkt zu hinterfragen und die Zielperson zu bewegen, sich eigene Gedanken zu erarbeiten, statt irgendwelchen „neumodischem Kram“ einfach nur nachzubeten.

Begrifflichkeiten: Artefakte vs. Dokumente

Agil: „Jetzt“ werden Dokumente und Ergebnisse als Artefakte bezeichnet. Die Begründung (studiere die Methode*) scheint einleuchtend. Aus meiner Sicht ist eine Umstellung hier aber vollkommen unnötig: Lasst uns Besprechungsprotokolle als solche bezeichnen, ebenso Spezifikationen, FAQs, Projektfortschrittsreports, Präsentationen, Entscheidungsvorlagen usw.

*Agil: Artefakt hat breite Anwendbarkeit. Ein Artefakt kann viele verschiedene Formen annehmen, wie z. B. User Stories, Product Backlogs, Sprint Backlogs, Burndown Charts oder Inkremente der Software. Der Begriff ist breit genug, um all diese unterschiedlichen Ergebnisse zu umfassen.

Agilität als Erfolgsfaktor

Ok, es ist Fakt, dass wir mit mehr Agilität in einem Projekt besser zum Erfolg kommen werden. Das erfordert: Anpassen an neue Erkenntnisse, eine sich als unzutreffend erweisende Spezifikation zu überarbeiten, neu zu priorisieren und das Team effizient zu führen.

Aber muss ich alles „über den Haufen“ werfen, was mich bisher zum Erfolg begleitet hat?

Rituale, Rollen & Realität

Wenn ich die Methode zitiere oder ChatGPT nach einem Plan für den Sprint und nach der Verantwortung des Scrum-Masters frage, wird postuliert: allmorgendlich ca. 15 Minuten die Priorisierung aktualisieren, nach Hindernissen fragen, Motivation erhalten usw.

Fragt man nach den benötigten Skills für unseren Scrum-Master, werden ausschließlich Soft-Skills aufgelistet. Nun stelle man sich vor: Da sitze ich im Sprint-Meeting als 50-jährige Person und vorne „tanzt“ eine junge Person die Scrum-Rituale. Wenn mir dann diese Person nicht wirklich etwas sagen kann, werde ich zunehmend demotiviert.

Pragmatischer Ansatz für reife Organisationen

Meine Überzeugung: Wenn das Unternehmen erfahrene Softwareentwickler beschäftigt, die bis zur Rente dort durcharbeiten werden (Telekom, SAP, Banken, Versicherungen usw.), dann muss ich konstruktive Wege finden, meine klassischen Methoden agil „aufzumöbeln“ und an meine phasenweise Budgetplanung anzupassen.

Ansonsten wird mit viel Aufwand nicht das erreicht, was erreicht werden muss: Mein Management (!) und meine Teams flexibler aufzustellen.

Zeitdruck, Planung & Steuerung

Die Entwicklungszyklen werden immer kürzer, Ergebnisse müssen immer schneller zur Verfügung stehen. Daher müssen Elemente der agilen Methodik konstruktiv aufgenommen werden. Aber es muss dringend vermieden werden, eine unkontrollierbare Art der Entwicklung einzuführen, die nicht einmal so effiziente Werkzeuge wie die Meilensteintrendanalyse ermöglicht. Das Burndown-Chart ist meist kein wirklicher Ersatz, weil agile Planung meine benötigten Projekt-Budgets zu oft umstürzt.

Aus Businesssicht muss ich eine Kosten-Nutzen-Planung klassisch aufstellen und argumentieren, um Projektbudgets zugesagt zu bekommen. Earned Value Management – also Entwicklungs-Performance-Analysen schon in frühen Phasen – müssen möglich bleiben.

Fazit

Agil sein bedeutet, geplante Ergebnisse unter Einbeziehung neuer Erkenntnisse gegen den erwarteten Nutzen abzuwägen, Ziele adäquat anzupassen und somit die Projektplanung aus Kunden- und Unternehmenssicht zyklisch zu aktualisieren – inklusive der erforderlichen Budget- und Ressourcenfreigaben.

Agil arbeiten bedeutet auch im Management, bewährte Methoden wie reifegrad-abhängige Führung zu etablieren und das Fachwissen so zu organisieren, dass es von den Mitarbeitern geachtet wird.

Agil erfordert weiterhin, die Gegebenheiten der Planungshorizonte der Unternehmen bzw. des Public Sectors, die Mentalität von Management und Teams sowie die bisherigen Vorgehensweisen konstruktiv zusammenzubringen.